Leseprobe - Elli rettet den Zauberwald

aus Buch 1 - Kapitel “Höhlenfeuer”
 

Elli hatte die kreuzförmige Markierung im Stein gefunden und war den Weg hinaufgeklettert, der sie zu einem großen Felsvorsprung führte. Die Höhle lag nur wenige Meter weiter. Fröhlich pfeifend hüpfte Elli dem Eingang entgegen. Da fiel ihr ein, dass sie keine Streichhölzer besaß, um die Fackel zu entzünden. Fluchend blieb sie stehen. Zum Glück, denn im gleichen Augenblick schoss eine lodernde Feuersbrunst aus der Höhle. Elli konnte sich gerade noch mit einem Sprung zur Seite retten.

„Geh weg! Lass mich allein!“, grollte eine laute Stimme aus der Höhle.

Elli blickte erschrocken in die Höhle. Sie wagte sich nicht vorzustellen, was geschehen wäre, wenn sie nicht so schnell reagiert hätte und dem Feuer ausgewichen wäre.

„Wer.. wer ist da?“, fragte sie schließlich.

„Geh weg! Ich habe gesagt du sollst mich alleine lassen“, wiederholte die Stimme.

Elli zog die linke Augenbraue hoch. Sie stellte sich an den Rand der Höhle und steckte den Kopf hinein. „Glaube ja nicht, dass ich dir Gesellschaft leisten will! Ich möchte nur hier durch!“, erklärte Elli.

„Seit über hundert Jahren hat diese Höhle niemand mehr durchquert“, antwortete die Stimme in einem leiseren Ton.

„Warum?“.

„Weil ich diese Höhle bewache“, gab die Stimme zur Antwort.

„Du machst keine Ausnahmen?“

„Nein! Und jeder, der sich meiner Warnung widersetzt, bekommt es mit meinem Feuerstrahl zu tun!“

„Oh!“ Elli seufzte, nun hatte sie ein ernsthaftes Problem. „Wer bist du?“, fragte sie.

Die Stimme klang jetzt sehr würdevoll: „Ich bin Thuban, der Drache, von jedem Thubano genannt.“

„Cool. Ein Drache bist du also! Warum bewachst du die Höhle?“

„Weil ... weil ich ...“, der Drache fand keine Antwort. „Darum“, schmetterte er schließlich.

„Komm schon! Sag mir bitte warum. Es gibt keinen Grund eine dunkle Höhle zu bewachen.“

„Geh jetzt endlich und löchere mich nicht mit Fragen, die ich dir niemals beantworten werde“, knurrte der Drache.

„Ich kann nicht gehen, es führt nur der eine Weg durch das Tal der Endlosen Berge, und wenn ich schnell bei Mortschai sein will, muss ich durch diese Höhle. Ob es dir jetzt passt oder nicht!“

Elli glaubte für einen kurzen Augenblick das Rasseln einer Kette vernommen zu haben.

„Der ... der Herr des Grauens? Mortschai?“ Aus den Worten des Drachen war Unsicherheit herauszuhören.

„Ja“, antwortete Elli zaghaft, auch sie wurde unsicher.

„Bist du gar einer seiner Häscher?“, grollte der Drache. „Dann rate ich dir so schnell wie möglich das Weite zu suchen!“ Mit den letzten Worten war die Stimme des Drachen immer bedrohlicher geworden, bis nur noch ein wütendes Gurgeln zu vernehmen war. Elli nahm ihren Kopf hastig zur Seite und presste ihren Körper schützend an die äußere Felswand. Rauch und Feuer drangen abwechselnd aus der Höhle, das Grollen erschütterte den Berg so stark, dass Elli sich vor den sich lockernden Steinen schützen musste.

Für einen Augenblick war Elli wie gelähmt, dann löste sie sich aus der Erstarrung: „Nein! Nein, ich bin kein Häscher!“, brüllte sie. Kurz darauf verlosch das Feuer und es wurde wieder still.

„Das ist dein Glück“, brummelte der Drache.

Elli atmete erleichtert auf und steckte ihren Kopf wieder in die Höhle. „Ich merke, wir haben den selben Feind!“, rief sie. „Lass mich durch die Höhle gehen, damit ich ihn vernichten kann!“

„Ich würde es gern, aber ich kann nicht“, widersprach der Drache.

„Warum?“

„Weil Mortschai es war, der mich in diese Höhle gebracht hat“, jammerte der Drache.

Thubano begann wehmütig von seinem früheren Leben zu erzählen. Er berichtete Elli, dass er oft auf die Gipfel der endlosen Berge geflogen sei, was im Gegensatz zu einem Menschen, keine Schwierigkeit für einen Drachen war. Dort oben lag, nach Thubanos Beschreibungen, ein Paradies. Er erzählte von einem kristallklaren See, in dem er gebadet hatte und von herrlichen Blumen. Das Blau des Himmels sollte so strahlend sein, dass selbst der Regebogen dagegen verblasste. Er sei der Herr der Lüfte über diesem Tal gewesen, bevor Mortschai kam. Er hätte ihm befohlen, niemanden durch diese Höhle zu lassen, auf dass der Weg, zwischen den Bewohnern des Wiesentals diesseits und den Bewohnern der Steppenwüste jenseits, versperrt bliebe. Seit jenem Tage hätte er von Mortschai nichts mehr gesehen oder gehört.

Als der Drache verstummte, ergriff Elli das Wort: „Wenn du seit über hundert Jahren nichts mehr von Mortschai gehört hast, kannst du mich beruhigt durchlassen. Keiner der Häscher wird etwas davon erfahren.“

 

Elli rettet den Zauberwald

 

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